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Mittwoch, 23. März 2022

"Wörter an den Wänden"


Adam wäre gerne "normal", doch er hat Schizophrenie: "Wörter an den Wänden"!

Julia Walton, übersetzt von Violeta Topalova
Wörter an den Wänden 978-3-03880-039-2 Arctis Verlag Alter: 14+

Der sechzehnjährige Adam Petrazelli leidet unter Schizophrenie. Als er im Alter von zwölf Jahren anfing, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen, dachte er noch, es läge an seiner neuen Brille, doch inzwischen weiß er es besser. Adam führt ein Tagebuch, welches Teil seiner Therapie ist. Seit kurzem nimmt an einer Medikamentenstudie für “ToZaPrex” teil. Das experimentelle Medikament schlägt an. Zwar sieht Adam nach wie vor Dinge und Personen, die nicht echt sind, die Halluzinationen nehmen mit steigender Dosis zunächst sogar noch zu, doch er kann besser unterscheiden, was real ist und was nicht. Als Nebenwirkung treten allerdings starke Kopfschmerzen auf. Vor einiger Zeit ist Adam auf eine katholische Schule gewechselt, obwohl er nicht gerade der religiöse Typ ist. Ablehnen konnten sie ihn dort aber nicht, weil Jesus liebt ja alle und so ;-). Seine Lehrer wissen von seiner Krankheit, seine Mitschüler jedoch nicht. Adam macht sich den arroganten Ian zum Feind, freundet sich mit dem redseligen Dwight an, der ihm das Tennis Spielen beibringt und verknallt sich total in die coole Maya. Maya will Ärztin werden, aber in der Forschung, denn sie mag keine Menschen, ist eher der logische als der gefühlvolle Typ. Als ihm nach einer Erhöhung seiner Dosis in der Kirche schwindelig wird, gibt sie ihm eine Flasche Wasser. Auf keinen Fall darf sie merken, was mit ihm los ist. Er will, dass sie ihn für normal hält, nicht für verrückt. Imaginäre Mafiosi liefern sich eine Schießerei in der Cafeteria, doch Adam bleibt ruhig, weil es ja nicht echt ist. Als jedoch seine imaginäre Freundin, die Amazone Rebecca, eines Tages panisch zum Schul-Schwimmbecken läuft, folgt er ihr - zum Glück, denn dadurch kann er Nichtschwimmerin Maya vor dem Ertrinken retten. Da er sich gut Fakten einprägen kann, soll Adam dem akademischen Zehnkampf-Team, dem auch Maya und Dwight angehören, beitreten. Das ganze Teams besteht praktisch aus typischen Nerds, die alle sozial etwas unbeholfen sind. Adam übt mit Maya. Da sie gerade mies drauf ist, kocht er für sie. Denn das kann er gut, Zuhören und Kochen. Aber da sie nicht sagt, was los ist, bleibt es halt beim Kochen. Dafür bekommt er einen Kuss. Adam hat Angst, die Kontrolle zu verlieren, Angst, das zu tun, was ihm die Halluzinationen befehlen, Angst, dass die Menschen dann aus gutem Grund Angst vor ihm haben. Als die Dosis weiter und weiter erhöht wird, kann er die Halluzinationen besser kontrollieren, manchmal sogar vertreiben. Nach den Ferien sind Adam und Maya offiziell ein Paar. Als es an der örtlichen Grundschule zu einem Amoklauf durch einen psychisch kranken Täter kommt, machen Adams Mitschüler ziemlich heftige Bemerkungen: “Warum hat er sich nicht einfach gleich selbst umgebracht, wenn es ihm so Scheiße geht?” Die haben ja keine Ahnung! Adam hat in der Bibliothek Ärger mit Ian. Außerdem leidet er unter neuen Nebenwirkungen, wie Schlaflosigkeit und Muskelzuckungen. Ach ja, und seine Mutter ist schwanger! Adam merkt, wie er immer mehr die Kontrolle verliert. Es kommt zu Rückfällen. Bei einem Date mit Maya bekommt er Panik, als die Figuren von der Leinwand in den Kinosaal stürmen und reißt Maya zu Boden. Die versteht das falsch, als Aufforderung zum heftigen Rumknutschen. Im Theaterstück zu Ostern muss Adam den Jesus geben und verliert seine Unschuld nach der Kostümprobe. Seine Dosis wird immer weiter gesteigert, doch es zeigt sich, dass er eine Medikamentenresistenz entwickelt hat. Damit ist es kein guter Kandidat für die Studie mehr, seine Daten können nicht verwendet wenden. Obwohl die Wirkung anfangs positiv war, wird keine längere Behandlung mit “ToZaPrex” empfohlen und die Ärzte wollen das Medikament ausschleichen lassen. Adam fängt wieder an, mit seinen Halluzinationen zu reden. Er hat eine total realistische Halluzination von Maya, wie sie vor einen LKW läuft und fragt sich, ob sie überhaupt jemals real war. Doch Maya gibt es zum Glück wirklich. Sie kommt zur Babyparty von Adams Mutter. Auch die rassistische, homophobe und generell biestige Stief-Oma ist leider anwesend. Adam quält der Gedanke, dass man ihn nie mit dem Baby allein lassen wird wenn es da ist. Seine Halluzinationen werden immer heftiger, immer lebendiger, lassen sich nicht mehr so einfach vertreiben. Er kann nichts dagegen tun. Er hat Angst vor dem Schulball. Er hat Angst, Maya zu verlieren. Also spart er Pillen auf, bevor sie endgültig abgesetzt werden und nimmt sie allesamt vor dem Ball - ein großer Fehler …

Adam ist ein außergewöhnlicher und sympathischer Charakter, den man einfach gernhaben muss. Die meisten Leute haben, wenn sie an einen Schizophrenen denken, einen gewalttätigen Irren vor Augen, dabei sind die meisten harmlos. Adam erzählt in seinem Tagebuch sehr persönlich, ehrlich, und manchmal auch ziemlich sarkastisch und humorvoll über sein Leben und davon, was ihn bewegt. Die Krankheit hat ihn ungewöhnlich früh ereilt, die meisten Betroffenen sind etwas älter. Er ist neidisch auf die anderen Jugendlichen mit ihren “normalen” Problemen. Obwohl dies kein Sachbuch über Schizophrenie ist, habe ich daraus eine Menge gelernt. Wirklich ein tolles Buch zu einem interessanten (und im Jugendbuch-Bereich bisher wenig beachteten) Thema!

Viel Spaß beim Lesen!!!


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Mittwoch, 16. März 2022

"Sein Reich"

Wenn Dein Vater ein Reichsbürger ist: "Sein Reich"!

Martin Schäuble Sein Reich 978-3-7373-4194-3 Fischer KJB Verlag Alter: 12+

Es sind Sommerferien, doch für den fünfzehnjährigen Juri ist keine Urlaubsreise in Sicht. Seine Mutter hat kein Geld, was eventuell daran liegen könnte, dass ihr neuer Freund Hauke alles versäuft. Aus einer Laune heraus beschließt Juri ganz allein zu seinem Papa zu fahren, der in einem kleinen Dorf im Schwarzwald lebt und den Juri praktisch noch nie gesehen hat. Der Papa staunt nicht schlecht über den unangekündigten Besuch, aber wenigstens schlägt er Juri nicht die Tür vor der Nase zu. Juris Papa ist im Grunde ganz nett, aber ein wenig eigenartig. Die beiden bauen gemeinsam ein Modellflugzeug, gehen Fliegenfischen und Juri darf sogar auf dem Feldweg mit Papas Auto fahren. Papas bester Kumpel Achim lebt mit seiner Frau Hanna, den Söhnen Kurt und Heinrich und den Zwillingstöchtern Margarethe und Martha auf einem alten Gut. Achim und seine Familie sind Selbstversorger, halten unter anderem Hühner, und die Kinder werden zuhause unterrichtet. Achim schimpft auf die Politiker und die Pharmaindustrie, und Juris Papa stimmt ihm zu. Sicher, es macht Juri Spaß mit Kurt und Heinrich im Wald mit Pfeil und Bogen zu schießen, und die Küsse von Maggi (Margarethe) sind auch nicht zu verachten, aber ein wenig unheimlich sind ihm Papas Freunde schon. Gut, dass es auch noch ein paar “normale” Leute in der Gegend gibt. Juri lernt die Dorfjugend kennen, unter anderem Jule, ihre Schwester Jessy und deren Freund, und er knutscht schon bald mit Jule am Waldsee rum, wo Abends die Party abgeht. Er ist hin und hergerissen zwischen Jule und Maggi, weil er beide mag, entscheidet sich aber letztendlich für Jule. Von Achim und seinen Leuten halten Juris neue Freunde nicht viel, umgekehrt gilt dasselbe. Papa schenkt Juri das Buch “Enthüllungen”, das ihm die Augen öffnen soll. Es ist voller Verschwörungstheorien, wie dass die Mondlandung nie stattfand etc. Juri tut sein Vater leid, da dieser anscheinend in eine Sekte voller Spinner geraten ist. Wenn Juri mit Papa unterwegs ist, darf er nie sein Handy mitnehmen, weil man ihn sonst orten kann. Papa sammelt seine Post ungeöffnet in Kartons, keine Behörde kann ihm etwas vorschreiben, die haben alle keine Berechtigung. Er erkennt die BRD als Staat nicht an. Sie sei nur eine Firma, die Menschen als “Personal” missbraucht. Deshalb haben die auch einen “Personalausweis”. Papa jedoch besitzt keinen Personalausweis (übrigens auch keinen Angelschein, obwohl er ständig angelt), nur einen Pass vom Deutschen Reich, das wurde nämlich nie aufgelöst und existiert daher immer noch. Die Krönung ist jedoch der Bunker, den Papa im Wald gebaut hat. Durch eine Geheimtür im Boden gerät man in einen unterirdischen Raum, in dem Dosennahrung, Gasmasken und Jodtabletten gelagert sind, denn Papa ist fest davon überzeugt, dass ein Atomkrieg unmittelbar bevorsteht. Während Papa auf den atomaren Winter wartet, will Juri eigentlich nur seinen Sommer genießen. Mit seinen neuen Freunden vom See sprayt er NAZI an die Hauswand von Automechaniker Karl, eine Mutprobe, denn die Dorfjugend will wissen, auf wessen Seite er steht. Karl und seine Frau Elsbeth gehören zu Achims Leuten. Karl fertigt nicht nur Autokennzeichen mit dem Wappen des Deutschen Reiches, sondern er leugnet auch historische Begebenheiten wie den Holocaust und den 11. September, bzw. er erzählt sehr abenteuerliche Versionen davon, die von keinerlei Fakten gestützt werden. Sein Sohn Jens wurde vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen. Juris Papa meint, Jens sei einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und erzählt noch was von wegen Lügenpresse, die Dorfjugend hingegen redet von Körperverletzung, Landfriedensbruch und einer Rohrbombe in einem Flüchtlingsheim. Überhaupt dreht Papa immer mehr ab. Er redet wirres Zeug von Chemtrails und ist für Juris logische Gegenargumente überhaupt nicht zugänglich. Juri wird klar, in was er da hineingeraten ist: “Karl ist offenbar der Dorfnazi. Achim fährt mit alten Kennzeichen herum und lebt mit seiner Familie wie im Mittelalter. Mein Papa redet wirres Zeug von dunklen Mächten und Kampfstoffen. Und dann nennen sie sich auch noch Reichsdeutsche.” (Zitat S.161) Eigentlich will Juri nur noch nach hause. Er verabschiedet sich von Jule. Die beiden machen ein Picknick, und Juri verliert seine Unschuld an Jule. Jule hat zwar einen Freund, Leon, aber der macht gerade ein Austauschjahr in den USA. Weil Juri den Bus verpasst, muss er noch bleiben. Papa und Jens nehmen ihn mit in den Wald, wo sie mitten in der Nacht irgendwelches Zeug zum Bunker schleppen, unter anderem ein Trockenklo. Die ganze Situation wird Juri immer unangenehmer und unheimlicher. Weil Juri in Papas Sachen rumgeschnüffelt hat, wird er von Jens bedroht, und Papa hält sich auch nicht gerade zurück. Er schlägt ihn und meint, wenn er weiter schnüffelt und frech wird, kann er was erleben. Juri hat Angst vor Papa und will einfach nur weg. Er flieht bei Nacht und Nebel und stolpert im Wald mitten in einen Waffendeal von Karl und Jens, die irgendwas von Bürgerkrieg und Volksverrätern faseln …

Martin Schäuble, der mich schon mit seinem Roman “Endland” begeistert hat, legt mit “Sein Reich” erneut eine packende Story zu einem aktuellen Thema vor. Durch die Augen des Durchschnittsteenagers Juri bekommt man einen interessanten Blick auf das Leben und die Ideologien der Reichsbürger. Dass jemand an solch absurde Verschwörungstheorien glaubt, ist für einen logisch denkenden Menschen schwer zu verstehen. Auch ich habe beim Lesen ein paar mal einfach nur den Kopf geschüttelt, weil ich es kaum glauben konnte. Dennoch fand ich die Thematik sehr spannend, und die Geschichte ist toll erzählt.

Noch eine interessante Info für alle Lehrer*innen: Für die Verwendung in der Schule ist unter http://www.fischerverlage.de/service/lehrer ein Unterrichtsmodell zu ›Sein Reich‹ abrufbar. 

Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch eine sehr gute Schullektüre abgibt. In Zeiten von Fake-News und Rechtspopulismus ist es wichtig, dass Jugendliche lernen Behauptungen kritisch zu hinterfragen, anstatt nur blind denjenigen zu glauben, die am lautesten brüllen.

Viel Spaß beim Lesen!!!


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Mittwoch, 2. März 2022

"Grimm und Möhrchen - Ein Zesel zieht ein"


Heute mal wieder was (nicht nur) für die Kleinen, ein super Vorlese-Vergnügen: "Grimm und Möhrchen - Ein Zesel zieht ein"!

Stephanie Schneider, illustriert von Stefanie Scharnberg
Grimm und Möhrchen - Ein Zesel zieht ein
978-3-423-76366-0
dtv junior Verlag
Alter: 5+ (zum Vorlesen)

Buchhändler Grimm führt ein ruhiges, beschauliches und auch etwas einsames Leben in der “Bücherkiste”, seiner kleinen, gemütlichen Buchhandlung auf dem Dorfplatz. Doch eines Tages, an einem langweiligen Regentag,  bekommt er nicht nur Besuch von der “freiwilligen Feline”, einer hübschen Feuerwehrfrau, in die er verknallt ist und die ihm einen Topf Buchstabensuppe vorbeibringt, sondern auch von einem kleinen Zesel. Ein Zesel ist ein Tier, halb Zebra und halb Esel. (Die gibt es wirklich, müsst Ihr mal Bilder googeln, sind super süß.) Das Zesel stellt sich mit dem Namen Möhrchen vor und verspricht Grimm viele gemeinsame Abenteuer. Die beiden teilen sich die Suppe und Abends nimmt Grimm Möhrchen mit nach hause in das Kleine Haus mit dem großen Garten und der schiefen Hausnummer 7. Möhrchen will wissen, ob er oft Kissenschlachten macht oder Fußball spielt, doch Grimm verneint, weil das allein nicht geht. Gut, dass Grimm nun nicht mehr allein ist. Das Zesel schläft in seinem Koffer neben Grimms Bett. Schon bald sind die beiden unzertrennlich. Möhrchen hat viele lustige Ideen, er erfindet zum Beispiel den “Topfstand”. Überhaupt mag Möhrchen Wörter, vor allem die ungewöhnlichen und die altmodischen Wörter, die leider kaum noch jemand benutzt. Also werden “Firlefanz” und “Eiertanz”, “Knickerbocker” und “Katzentisch” aus den Büchern befreit und auf Zettel geschrieben, die sich Grimms Kunden mit nach hause nehmen dürfen. Später besuchen Grimm und Möhrchen Grimms Kumpel Rudi an dessen Tankstelle. Hier gibt es viele spannende Sachen. Schade, dass Grimm kein Auto hat, um durch die Waschanlage zu fahren. Dafür baut Rudi für Möhrchen ein kleines Auto, mit dem das Zesel viel Spaß hat. Einmal bleiben Grimm und Möhrchen die ganze Nacht auf und sitzen im Mondschein. Es gibt viele Dinge, die Möhrchen nicht versteht. Da wäre zum Beispiel eine schwierige Kundin, die für ihr Patenkind ein nettes Buch sucht, in dem alle gesund und glücklich sind und nichts Aufregendes passiert. (Glaubt mir, ich kenne diesen Kundentyp nur zu gut.) Als sie dann mit einem bunten Glitzerbuch den Laden verlässt, wundert sich Möhrchen. Manchmal passieren eben traurige und schlimme Sachen - auch Kindern, warum sollen sie nichts darüber lesen? Und warum lässt man die Kinder nicht einfach selbst entscheiden, was sie lesen wollen? Möhrchen unterhält sich mit dem Mädchen Kira und lädt sie und ganz viele andere Kinder in die Buchhandlung ein. Die Kinder bauen eine Höhle und lesen sich gegenseitig vor. Ab jetzt ist jeden Dienstag Vorlesestunde in der “Bücherkiste”. Als sich der Sommer dem Ende neigt, geben Grimm und Möhrchen ein Abschiedsfest für ihn. Möhrchen ist traurig, doch dann kommt der Herbst mit Pfützenspringen und Kastanienbasteln. Möhrchen und Grimm verschenken Papierschiffe mit Geschichten, und Möhrchen lernt, dass auch eine Nussecke manchmal eine runde Sache sein kann. Dann beginnt das Warten auf Weihnachten. Davon hat Möhrchen noch nie gehört, findet aber schnell Gefallen an der schönen Adventszeit …
Ganz klar mein neues Lieblingsbuch unter den Vorlesebüchern! Die Geschichten sind super lustig und stecken voller Sprachwitz, und die Bilder sind einfach toll! Ich wünsche mir, dass sich so ein cooles Zesel auch einmal in meine Buchhandlung verirrt ;-))).
Viel Spaß beim Lesen!!!

Mittwoch, 23. Februar 2022

"Die Verknöpften"


Schwere Zeiten, beste Freunde und eine tolle Lehrerin: "Die Verknöpften"!

Andrea Behnke Die Verknöpften 978-3-945530-33-7 Ariella Verlag Alter: 10+

Bochum 1938: Auf den ersten Blick wirkt Fräulein Ilse Hirschberg nicht sehr beeindruckend. Ganz klein ist sie, mit kurzen Locken und dicken, runden Brillengläsern, umso größer sind jedoch der Mut und das Herz der engagierten jüdischen Lehrerin. Unter ihren Schülern sind auch die Freunde Liselotte, Minna und Leon. Liselotte sieht, wie sich die Welt um sie herum verändert. Kaum noch Kunden kommen in das Stoffgeschäft ihrer Eltern, Männer in dunklen Uniformen und mit eisigen Blicken ziehen durch die Straßen, im Park und im Freibad sind Juden unerwünscht. Manchmal fahren sie raus ins Grüne, wo sie niemand kennt und sie ihre Sorgen für einen Moment hinter sich lassen können, schlecken Vanilleeis für 10 Pfennig und sitzen auf den Parkbänken, obwohl auf ihnen “Nur für Arier” steht. Ihre nicht-jüdische Freundin Hildegard können Liselotte und Minna nur noch heimlich treffen. Hillis Keller ist ihr Hauptquartier, und sie sind “die Verknöpften”, wegen der Freundschaftsbänder mit den Knöpfen, die Liselotte für sie genäht hat. Liselotte näht auch Kleider und Kuscheltiere, und sie sammelt Knöpfe. Außerdem ist sie sehr musikalisch, liebt es zu singen, und bekommt seit einiger Zeit Flötenunterricht von dem netten Lehrer Herr Messing, der ihr Talent erkannt und ihr sogar eine Blockflöte geschenkt hat. Da Leon, der bei seiner Oma lebt, auf dem Schulweg immer wieder verprügelt wird, weil er Jude ist, beschließt Fräulein Hirschberg, ihn von nun an jeden Tag zu begleiten. Liselotte ist ein bisschen in Leon verliebt und schenkt ihm ihre neue Mütze, weil er keine eigene hat. Seine Oma hat nicht viel Geld und kann mit ihren krummen Fingern nicht mehr stricken. Fräulein Hirschberg rät den Familien ihrer Schüler, Englisch oder Hebräisch zu lernen, um auswandern zu können. Sie gibt sogar Unterricht. Minnas Mama lernt bereits seit einiger Zeit Englisch, doch Minna denkt sich nichts dabei. Viele Familien haben das Land bereits verlassen. Doch Liselottes Eltern wollen bleiben, selbst nach dieser furchtbaren Nacht, in der Liselotte von einem lauten Knall und Scherben-Klirren geweckt wird. Männer in Uniformen und mit Hakenkreuzbinden schlagen die Fenster ein und verwüsten den Laden, Mama und Papa werden als Volksverräter beschimpft und Liselotte, die sich versteckt hat, macht vor Angst in die Hose. Auch viele andere Geschäfte fallen der Zerstörungswut der Männer zum Opfer, die Schule wird geplündert, die Synagoge in Brand gesetzt. Niemand unternimmt etwas dagegen. Doch Fräulein Hirschberg lässt sich nicht unterkriegen. Sie tut alles, damit die Schule wieder geöffnet werden kann und macht ihren Schülern Mut. Ganz groß kommt sie Liselotte auf einmal vor, im Gegensatz zu ihrem sonst so starken Vater, der in eine tiefe Depression fällt. Er ist nur noch müde, schlurft im Schlafanzug durch die Wohnung. Liselottes Mutter fegt die Scherben weg, doch das Geschäft ist nicht zu retten. Die Versicherung zahlt nicht, die Familie ist pleite. Dann muss Lieselotte auch noch von ihren besten Freunden Abschied nehmen …

Während die meisten Bücher zu diesem dunklen Kapitel der Deutschen Geschichte für die jüngeren Leser noch zu kompliziert geschrieben oder schlicht inhaltlich zu heftig sind, trifft diese Geschichte genau den richtigen Ton, um auch bereits 10-Jährigen verständlich zu machen, was damals geschah und was die Kinder damals erlebten und dabei fühlten. Dies geschieht vor allem durch die Sicht von Liselotte, deren Welt sich vor ihren Augen radikal verändert. Freundschaft, Angst, Zusammenhalt und Abschied - Gefühle stehen hier im Mittelpunkt. Im Anhang befinden sich jedoch zusätzlich ausführliche Erläuterungen über die geschichtlichen Hintergründe, die leicht verständlich geschrieben sind. Die Figur der Ilse Hirschberg beruht auf einer Person, die es tatsächlich gab, nämlich die Lehrerin Else Hirsch, an die heute noch ein Stolperstein in Bochum erinnert und nach der sogar eine Schule benannt ist. 

Viel Spaß beim Lesen!!!


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Mittwoch, 16. Februar 2022

"Und der Ozean war unser Himmel"


Nennt mich Bathseba.: "
Und der Ozean war unser Himmel"!

Patrick Ness, übersetzt von Bettina Arbarbarnell Und der Ozean war unser Himmel 978-3-570-16570-6 cbj Verlag Alter: 14+

In ferner Zukunft erzählt die Waldame Bathseba die Geschichte ihres Lebens: Als sie 16 Jahre alt war, zog sie als 3. Lehrling von Kapitänin Alexandra durch den Ozean auf der Jagd nach den Menschen. Viel zu lange waren die Wale die Gejagten. Nun haben sie den Spieß umgedreht und sind zu Jägern geworden. Alexandra zieht das Schiff mit ihrer Flosse, auf welchem die Matrosen, die einer kleineren Walart angehören, arbeiten. Die Lehrlinge Treasure, Willem und Bathseba folgen ihrer Kapitänin, mit Harpunen auf dem Rücken. Die Wale halten sich für die Herrscher der Meere. Sie sind den Menschen, dieses seltsamen und barbarischen Kreaturen, die “verkehrt herum” leben (für Menschen ist der Ozean unten und der Abgrund oben), klar überlegen. Menschen verfügen weder über Echoortung zum Navigieren, noch über eine Atemblase. Die junge Bathseba findet die Jagd auf die Menschen, oder wohl eher den Krieg mit ihnen, spannend und aufregend, doch im Laufe der Zeit wird sie ihre Meinung radikal ändern. Als ihre Gruppe ein treibendes Schiff findet und mit leichter Beute rechnet, erleben sie eine Überraschung. Sie entdecken nicht nur einen Menschen, der überlebt hat, sondern auch einen Hinweis auf ihren größten Feind, den Menschen Toby Wick. Dessen Initialen TW sind auf eine Münze graviert. Bathseba hält nicht viel von dem Aberglauben um Toby Wick. Glaubt man den anderen Walen, ist er kein Mensch, sondern der Teufel persönlich, jedoch hat noch niemand ihn wirklich gesehen. Vielleicht ist er ja nur eine Legende. Für Bathseba sind alle Menschen irgendwie Toby Wick. Der menschliche Überlebende wird in eine Luftblase gehüllt und gefangen genommen. Bathsebas Aufgabe ist es, ihn zu bewachen und beim Verhör zu assistieren, da sie die Menschensprache besser als die anderen versteht. Der Mensch, der sich Demetrius nennt, behauptet, Wick hätte sie mit seinem riesigen weißen Schiff angegriffen. Auch die Menschen fürchten ihn. Die Münze sei eine Karte, die den Weg zu Wick weist. Sie folgen der Karte zu den Bergen, und Treasure und Willem träumen schon von einem glorreichen Sieg, von Ruhm und Ehre. Bathseba hingegen zweifelt - an der Mission, an dem kommenden Sieg, an der Existenz von Wick - und wird deshalb von ihrer Kapitänin gemaßregelt, die sie auch sonst oftmals demütigt und schikaniert. Obgleich Bathseba die Menschen hasst (immerhin haben sie ihre Mutter grausam abgeschlachtet und dann noch nicht einmal alle Teile verwertet, sondern das Meiste den Haien überlassen), unterhält sie sich immer öfter und länger mit Demetrius. Sie soll ihm weitere Informationen entlocken und ihn dann töten, doch sie hat Mitleid mit ihm. Es geht ihm nicht gut, er ist hungrig, durstig und friert, die Haut löst sich schon vom Fleisch. Es zeigt sich wieder einmal, dass Menschen nicht für das Leben im Meer gemacht sind. Er kritisiert die Wale und die “Prophezeiungen”, von denen sie ihr Leben bestimmen lassen und sich so vor der freien Wahl und den Konsequenzen drücken. Er warnt sie auch, dass sie Wick in die Falle gehen würden, wenn sie so weiter machen. Alexandra wimmelt derweil eine andere Walschule und deren Kapitän Arcturus ab, die ebenfalls auf der Jagd nach Wick sind. Dann stoßen sie auf ihrem Weg auf die Leichen von über 50 Walen. Etwas in Bathseba zerbricht, als sie ein totes Walbaby sieht, äußerlich unversehrt, aber tragischerweise in der schützenden Umarmung seiner Mutter ertrunken. Sie will nicht mehr. Sie will auch Demetrius die Freiheit schenken. Es hat genug Tote gegeben. Alexandra meint, sie müssen kämpfen, damit sie aufhören können, Teufel zu sein, doch Bathseba fragt sich, ob nicht das Kämpfen sie erst zu Teufeln macht. Sie finden weitere Hinweise auf Wicks Aufenthaltsort in einem Schiff, welches dann aber explodiert, was Treasure das Leben kostet. Alexandra beharrt darauf, dass das alles Teil der großen Prophezeiung ist. Bathseba widerspricht, Alexandra nennt sie ein dummes Kind und schlägt sie heftig mit der Flosse. Bevor die Gruppe in die finale Schlacht gegen Wick zieht, kommt es noch zu einer weiteren Konfrontation mit Kapitän Arcturus. Dann erscheint das große, weiße Schiff von Toby Wick. Doch nichts ist so, wie es zu sein scheint …

Die Illustrationen sind der Hammer, einfach wunderschön! Und die außergewöhnliche Geschichte hat mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert. Die ungewöhnliche Erzählperspektive aus Sicht eines Wals erscheint anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich darauf einlässt, kann man sich gut in Bathseba hineinversetzen. Die Thematik rund um den Krieg, Bathsebas Zweifel und die zarte Freundschaft, die zwischen ihr und einem ihrer Feinde entsteht, dies alles verleiht diesem doch recht dünnen Buch eine ganze Menge Tiefgang. Und dann wären da noch die Parallelen zu “Moby Dick”, die bereits beim ersten Satz (“Nennt mich Bathseba.” - Bei “Moby Dick”: “Nennt mich Ismael.”) angedeutet werden. Ist das jetzt ein Kinderbuch? Ja. Nein. Vielleicht. Ich würde es ab 14 Jahren empfehlen, die Grenze nach oben lasse ich offen, denn es ist durchaus auch noch etwas für erwachsene Leser.

Viel Spaß beim Lesen!!!


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